Die Wahl der geeigneten Darreichungsform ist für eine individualisierte Cannabismedikation von zentraler Bedeutung. Sie beeinflusst Pharmakokinetik, Wirkdauer, Nebenwirkungsprofil und die praktische Anwendbarkeit. Im Folgenden werden die wichtigsten Applikationswege dargestellt.
Bei der inhalativen Applikation von Cannabisblüten erfolgt die Aufnahme der Cannabinoide über die Lunge. Der Wirkungseintritt ist unmittelbar (Sekunden bis wenige Minuten), die Wirkdauer liegt bei 2–3 Stunden. Die Bioverfügbarkeit beträgt etwa 10–35 % [1].
Für eine sichere und reproduzierbare Anwendung ist die Verwendung zugelassener Medizintechnik (z. B. geprüfte Vaporisatoren) empfohlen.
Cannabinoide können über die Mundschleimhaut (sublingual oder bukkal) resorbiert werden. Typische Präparate sind Sprays oder schnell lösliche Oblaten.
Orale Präparate wie Kapseln, Tabletten oder ölige Lösungen sind patientenfreundlich und entsprechen gewohnten Einnahmeformen. Allerdings ist die Bioverfügbarkeit von THC und CBD mit ca. 4–12 % gering [1], da ein ausgeprägter First-Pass-Metabolismus in der Leber stattfindet. Dabei entsteht jedoch 11-Hydroxy-THC, das stärker wirksam ist als Δ9-THC, weshalb die orale Einnahme auch trotz der geringen Bioverfügbarkeit schon in relativ geringen Dosisbereichen spürbare Effekte zeigen kann [2–4].
Als Cannabis-Öle werden zumeist Vollspektrum-Extrakte bezeichnet, die Cannabinoide, Terpene und weitere Pflanzeninhaltsstoffe enthalten. Die Gewinnung erfolgt in der Regel mittels Extraktion mit CO₂ oder Ethanol. Die fertigen Zubereitungen werden überwiegend als Lösung zur sublingualen oder oralen Anwendung eingesetzt.
Cannabis-Öle können sowohl als Defekturarzneimittel in der Apotheke hergestellt als auch industriell nach GMP-Standards produziert und anschließend in der Apotheke patientenindividuell abgefüllt werden.
Medizinisches Cannabis kann in Apotheken auf ärztliche Verschreibung auch als patientenindividuelles Rezepturarzneimittel hergestellt werden. Dabei sind unterschiedliche Darreichungsformen möglich, etwa Tabletten, Öle, Kapseln, Sprays, Salben oder Zäpfchen.
Magistralrezepturen werden auf Grundlage standardisierter und geprüfter Herstellungsvorschriften (z. B. Neues Rezeptur-Formularium – NRF oder Deutscher Arzneimittel-Codex – DAC) angefertigt. Dadurch wird sichergestellt, dass die enthaltenen Cannabinoidmengen konstant und reproduzierbar sind.
Individualrezepturen hingegen basieren nicht auf einheitlichen Vorschriften. Hier entwickelt die herstellende Apotheke die Rezeptur selbst, was bedeutet, dass Zusammensetzung und Cannabinoidgehalt zwischen verschiedenen Präparaten und Apotheken variieren können. Dies erfordert eine besonders sorgfältige ärztliche Überwachung der Therapie, um eine gleichbleibende Wirksamkeit und Verträglichkeit zu gewährleisten.
[1] Chayasirisobhon S. Mechanisms of Action and Pharmacokinetics of Cannabis. Perm J. 2020 Dec;25:1-3. doi: 10.7812/TPP/19.200. PMID: 33635755; PMCID: PMC8803256.
[2] Huestis MA. Human cannabinoid pharmacokinetics. Chem Biodivers. 2007 Aug;4(8):1770-804. doi: 10.1002/cbdv.200790152. PMID: 17712819; PMCID: PMC2689518.
[3] Lemberger L, Martz R, Rodda B, Forney R, Rowe H. Comparative pharmacology of Delta9-tetrahydrocannabinol and its metabolite, 11-OH-Delta9-tetrahydrocannabinol. J Clin Invest. 1973;52(10):2411-2417. doi:10.1172/JCI107431
[4] Jessica Reilly-Chevalier (13.05.2021): Edibles vs smoking: which is better? https://cannigma.com/plant/11-hydroxy-thc-why-edibles-feel-different-than-smoking/#easy-footnote-bottom-2-15916 (Stand: 11.09.2025).